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vokal:orgel, 20.1.2026 Stadtcasino Basel: Die Erde brennt…

Chorkonzert
Klassik
Stadtcasino Basel

…das ist im Moment wettermässig zwar nicht unbedingt zu spüren, aber geht im übertragenen Sinn und stimmungsmässig wahrscheinlich an niemandem vorbei. Eine Krise jagt die nächste, was vor Jahren noch für dramatische Empörung gesorgt hätte, ist heute gefühlt Normalzustand. Wie damit umgehen? Diese Frage stellt sich auch in der Musik. Sie wird die Probleme unserer Welt nicht lösen. Aber sie kann darauf aufmerksam machen und einen Raum für Gedanken und Diskussionen öffnen.

Einen solchen Raum hat vokal:orgel mit dem Programm «flammende erde» am 20. Januar 2026 im Stadtcasino aufgemacht. 180 junge Stimmen, eine Orgel, eine Geige, eine lebhafte Inszenierung und ein spürbar ehrliches Interesse, nicht an den schwierigen Themen von heute vorbeizuschauen – gute Voraussetzungen für ein stimmiges Chorkonzert.

Im Zentrum stand, wie der Titel vermuten lässt, das Thema Feuer. Dieses steht immer noch im Lichte der Silvesterkatastrophe in Crans-Montana – das war von den Beteiligten des Konzerts natürlich nicht vorauszusehen. Aber die veränderten Vorzeichen bedurften keiner Änderungen des Programms, denn dieses war ohnehin sorgfältig und bedacht kuratiert. Kurz stutzen liess einen einzig der aufsteigende Rauch von der Bühne beim Einlass. Der aber in Wirklichkeit kein Rauch, sondern Theaternebel (reines Wasser) aus einer Nebelmaschine war – und sich auch bald wieder verzog. Keine Sorge also, Bühne frei.

Das Eröffnungsstück, «The First Tears» von Ēriks Ešenvalds, erzählte die Geschichte des Raben, der von einem Wal verschluckt wird und in dessen Bauch auf eine tanzende Frau trifft, die das Herz des Wals symbolisiert. Eine Schöpfungserzählung der Inuit, und eine Lehre darüber, dass aus fehlendem Respekt und Nichtzuhören selten Gutes folgt. Eigentlich dasselbe Lied wie in der Bibel. Die tanzende Frau war auf der Stadtcasino-Bühne im roten Kleid in persona anwesend, dicht gefolgt von Geiger Dmitry Smirnov, der immer wieder Vogelgeräusche (Flattern, Zwitschern) einstreute. Vorgetragen wurde «The First Tears» vom Jungen Kammerchor Basel, der für die schwebende, mit eindrücklichen Glissandi versehenen Vertonung den richtigen Ton traf. Den Raben mimte Julian Schmidlin.

Nach dieser durchaus andächtigen Eröffnung komplettierten die Chöre des Gymnasiums Oberwil und der Rudolf Steiner Schule Basel sowie Organistin Babette Mondry das Bühnenensemble. Ein lautes Fussstampfen der jungen Sänger*innen riss das Publikum sogleich ruckartig aus der Meditation, es folgte der kurze Satz «Fire» aus Katerina Gimons Element-Vertonungen – kein Text, sondern nur Laute, die an Schamanengesang erinnerten; dazu rotes Licht am Balkon. Mondry spielte dann die Deuxième Fantaisie, AWV 91 von Jehan Alain, dazu wurde auf der Bühne ein Tisch umhergetragen. Ein Gefühl der Unsicherheit, der Verwirrung machte sich langsam breit – unterstrichen durch die neonfarbenen Sicherheitswesten im Chor. Es folgte das gesprochene «Once upon a time the world was round» von John Cage – weniger eine Anspielung auf die Flacherdenverschwörung und mehr auf die allgemeine Gefühlslage, dass vieles aus den Fugen geraten ist. Bis zu Cage übrigens dirigierte Tobias Stückelberger das Gesangsensemble – er wechselte dann zu den Sänger*innen und wurde für den Rest des Konzerts von Abélia Nordmann abgelöst.

Und diese übernahm sogleich die Leitung des zentralen Stücks des Abends: «Dievs, Tava zeme deg!» der lettischen Komponistin Lūcija Garūta – «Herr, deine Erde brennt!». Die Kantate entstand gegen Ende des Zweiten Weltkriegs, als Riga der zweiten Okkupation entgegensah: Die Uraufführung am 15. März 1944 im Dom von Riga wurde begleitet vom Rollen deutscher Panzer auf den Strassen, während die Sowjetunion ihre Besetzung vorbereitete. Auch aufgrund dieser dramatischen und tragischen Umstände ist das Stück von grosser Bedeutung für Lettland. Es ist eindrücklich komponiert, und es wurde vom Chor im Stadtcasino eindrücklich dargeboten – nicht zuletzt dank den beiden Solisten, Bariton Kimon Barakos und Tenor David Ferreira. Und natürlich dank des von Mondry einwandfrei gespielten Orgelparts, der massgeblich zu Charakter und Intensität des Stücks beiträgt – nicht zufällig, denn Garūta war selbst Organistin. Gänsehaut gab es hier gratis dazu.

Das Licht verdunkelte sich anschliessend, bevor es auf grünlich wechselte und der Chor sich teilte, um Smirnov die Bahn freizugeben für die Violinsonate Nr. 3, op. 27 von Eugène Ysaÿe, bei dem der Solist seine Virtuosität unter Beweis stellen konnte. Nach Monteverdis «Hor che’l ciel e la terra», währenddessen die szenische Gruppe mit den Westen sich zu Boden legte, setzte Mondry zu Charles-Marie Widors «Aria» nach Bach an – und der Chor zum Basteln von Papierfliegern. Die wurden nach fertiger Konstruktion ins Publikum geworfen, mit unterschiedlichem Erfolg hinsichtlich Flugfähigkeit. Mindestens einer schaffte es aber, über das Publikum hinweg bis zum hinteren Balkon zu segeln. Das Papierflieger-Intermezzo leitete in die Uraufführung des Abends, Lucia Birzers «How can we sell the sky?» für Sprecher, Orgel, Violine, Vokalensemble und Chor – letzterer aufgeteilt in Geräuschchor, Sprechchor und Singchor. Das Stück ist inspiriert von der Kultur der indigenen Völker Amerikas und handelt von zwei Wölfen, die im Konflikt miteinander stehen – «einer ist böse, der andere ist gut». Ein effektvolles Stück mit offenem Ausgang: «Welcher der beiden Wölfe gewinnt? Derjenige, den du fütterst.»

Hoffnung bleibt, und Hoffnung war überhaupt das Motto dieses stimmigen Abends – noch einmal emphatisch auf die Bühne gebracht in Abélia Nordmanns Improvisation «espoir». Ganz zum Schluss erklang noch das südafrikanische Volkslied «Senzenina» – das wollte nicht mehr so gut ins Programm und ins Setting passen wie der Rest des Konzerts. Auch weil der Protestgesang während der Apartheid besonders populär war, und auf der Bühne wenig eigene Erfahrung mit rassistischer Unterdrückung zugegen war – das ist, so bleibt anzumerken, natürlich eine Vermutung, die nicht verifiziert ist.

Sicher dagegen ist, dass das Programm insgesamt durch dramaturgisches Geschick und musikalische Vielfalt überzeugte. Den Bogen spannte das Thema Natur und die Zerstörung dieser durch den Menschen und sein egoistisches, aggressives Verhalten. vokal:orgel gelang es dabei, die Spannung trotz ausbleibender Pause hochzuhalten – das ist nicht zuletzt auf die historisch und stilistisch vielfältige Auswahl der Stücke zurückzuführen, aber auch auf die szenische Einrichtung durch Salomé im Hof, die Choreografie von Ibra Ndiaye und das Lichtdesign von André Stein und Mario Henkel. Diese Elemente ergänzten die Musik stimmungsvoll, ohne sich aufzudrängen – und verliehen dem Abend so das gewisse Etwas. Das Konzert war aber nicht einfach nur zum Geniessen, sondern forderte auch ordentlich. Viel Text in unterschiedlichen Sprachen, dazu Bewegung, Licht und ein gigantisches Ensemble. Da wusste man manchmal fast nicht mehr, worauf man sich nun konzentrieren sollte. Vor allem forderte aber der ernste Inhalt, die Auseinandersetzung mit akuten Problemen der Menschheit. Es war kein Abend für Eskapismus. Das war aber auch nicht zu erwarten, denn dafür steht vokal:orgel nicht – vielmehr geht es dem Team um Babette Mondry und Tobias Stückelberger darum, brennende Themen anzugehen und Reflexion zu ermöglichen. Und dabei gleichzeitig das Spielerische nicht zu vergessen.

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